Zum Nauroz (Neujahr) (Tulpenfest) in Afghanistan 

Im Norden Afghanistan im Gebiet von Mazar-i-Sharif und Umgebung wachsen überall 
sogar auf den Dächern der Lehmhäuser Mohnblumen und Tulpen.

 

Auf unserem Globus wird das Neujahr zu verschiedenen Zeiten nach unterschiedlicher Zeitrechnung gefeiert. Die älteste Jahreszählung soll auf den alttestamentarischen Kalender, gerechnet nach dem Mondjahr (255 Tage), zurückgehen. Vermutlich hat das Volk Israel vor fast 6000 Mondjahren (das wäre ca. 3760 Jahren vor der gregorianischen Zeitrechnung) Neujahr gefeiert.

Der islamische Kalender wird zwar wie der jüdische nach dem Mondzyklus berechnet, jedoch beginnt die Zeitrechnung ab der Pilgerfahrt des Propheten Mohammad vor 1425 Mondjahren (mit 355 Tagen gerechnet).

Nach dem Sonnenjahr ist der 20.03. der erste Tag des Sternzeichens "Widder". Der Frühlingsanfang, in Schaltjahren am 20., sonst am 21. März, ist der 1.1. des Sonnenjahrs mit 365, in Schaltjahren mit 366 Tagen, dessen Jahreszahl ebenfalls nach der Pilgerfahrt des Propheten Mohammad gerechnet wird.

Die zentralasiatischen Völker mit diversen islamischen Glaubensrichtungen feiern gleich zwei Mal Neujahr: nämlich das Ende des innerhalb des Sonnenjahr rückwärts beweglichen Mondjahres und den Anfang des Sonnenjahrs, der stets mit dem Frühlingsanfang am 20. bzw. 21. März des gregorianischen Sonnenjahres zelebriert wird.

Das Ende des islamischen Jahres wird sehr besinnlich als Höhepunkt und Jahresabschluss des 12. islamischen Mondmonats "Dulhescha" mit der großen Pilgerfahrt gefeiert. Da 22 Sonnenjahre 23 Mondjahren entsprechen, ist das islamischen Neujahr nicht an eine bestimmte Jahreszeit gebunden. Deshalb verschiebt sich das Fest jährlich um 10 bzw. 11 Tage.

Nach dem auf dem Sonnenjahr beruhenden Kalender wird in Afghanistan am 1. Hamal bzw. Farwardin (1. Widder) Neujahr, Frühlingsanfang und Bauerntag gefeiert.

An diesem Tag gehen die Menschen nach Mazar-i-Sharif (Baktra), in die Provinzhauptstadt von Balch (ehem. Provinz Baktrien), um den ersten Tag des Sonnenjahrs zu feiern. Dort stehen die Heilige Grabmoschee, Rauza Mobarak, des Kalifen Ali, des Schwiegersohns des Propheten, errichtet im 15. Jhd. und Mausoleen von vielen Dichtern der islamischen Renaissance.

Nicht nur Afghanistan, sondern auch Iran, Indien die ehemaligen zentralasiatischen Staaten der Sowjetunion Tadschikistan, Usbekistan und Azerbaijan, die Kurden in der Türkei und im Irak feiern das Naurozfest. In Indien wird das Naurozfest bei den Farsi-Sprechern " Jamschidi-Fest" genannt. Außerdem feiern Bewohner Indiens mit hinduistischer Glaubensrichtung das Holi-Fest. In Azerbaijan wird das Fest 2 Tage gefeiert.

Am Freitag, den 19.03.2004 um 20:30 mitteleuropäischer Zeit ist in Afghanistan 00:00 Uhr und damit Frühlingsanfang, Bauerntag und der 1. Hamal des Sonnenjahres. Dank der Kalenderkorrektur des großen Mathematikers und Astronomen Omer Khaiyam um 1070 n. Chr. während der Herrschaftszeit des Seldschuken Malik Shah konnte der Sonnenkalender rehabilitiert werden, der auch in Afghanistan als offizieller staatlicher Kalender fungiert. Nach der neuen Fassung des Grundgesetzes ist dieser Kalender nach fünf Jahren Talibanherrschaft reaktiviert, da die Bauern Afghanistans seit Jahrtausenden ihre Felder nach den Gesetzen der Natur bestellen und in der Neuzeit danach die Beamten bezahlt, befördert und pensioniert werden.

Die zwei traditionellen Feste, 1. des 7. Monats, Waage (22. September) und 1. Widder (21.März) wurden seit Urzeiten auf dem Boden des heutigen Afghanistans gefeiert, da zu diesem Zeitpunkt Nacht und Tag gleich lang sind. Dieses Fest wird im Iran Jaschne Mehragan genannt und in Afghanistan Jaschne Mizan.

Kein anderer Festtag ist mit so vielen Legenden, Überlieferungen und Mythen belegt wie der Neujahrstag in Afghanistan und in Zentralasien. Er ist im Laufe der 5000jährigen Geschichte des Landes immer begangen worden, zumal einst die Leute die Sonne liebten und die afghanischen Historiker wie z.B. Dr. Abdul Haie Habibi diesen Tag auf Yama (Xsaeta) Pascha zurückführten. Der Sonnenkönig Yama Pascha soll ein gerechter König gewesen sein, der in den Urzeiten lebte. Er soll an diesem Tag gekrönt worden sein, so meinte der in Afghanistan geborene und international renommierte Professor, um Hinweise auf die lange Geschichte Afghanistans zu geben. Historisch verifiziert kann dies nur dann sein, wenn Zarathustra nicht im 6. bzw. 8. Jh., sondern im 17. Jahrhundert vor Chr. geboren wurde.

Mitte des 20. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung haben europäische Professoren die Keilschrift der Hachmeniden entziffert, so dass die Hypothesen einigermaßen gesichert scheinen, dass die Hachameniden (Hachamaschia) im 8. Jhd. vor Christus nach Baktra kamen und die Religion, die neben den vier Grundelementen des Lebens , Feuer, Wasser, Erde und Wind, auch die Sonne sehr schätzte, nämlich den Zoroastrismus, zu ihrer Staatsreligion erklärten. Hier soll Yama Xsaeta, in Farsi Jamsched genannt, der Herr über Persepolis, an diesem Tag gekrönt worden sein.

Die Sassaniden und Kuschano-Sassaniden-Dynastien vor und nach Chr. haben diesen Tag sehr groß gefeiert und brauchten nicht den Festplatz zu schmücken, da dies die Natur bereits mit Blumen und Blüten getan hatte. Auch die Kuschanen haben diese Tradition weitergeführt, obwohl ihre Religion der Buddhismus war, aber sie tolerierten die anderen Religionen.

Als die Samaniden und Ghaznawiden im Lande herrschten, haben sie zum einen zur Ausbreitung der islamischen Religion in Afghanistan und in der Region enorm beigetragen und zum anderen das Nauroz-Fest wiederbelebt, wie es in den Werken von damals in Baktra und Ghazni lebenden und wirkenden Dichter z.B. Ferdaussi (geb. 940 vor Chr.), Nasser Khossrau Balchi, Mawlana Jalaluddin Balchi u.v. m. niedergeschrieben wurde. In dem Monumentalwerk "Shahnama" bezieht sich Ferdaussi auf die Mythologie, wie das Nauroz-Fest entstanden ist. Auch islamische Wissenschafler und Dichter wie Nasser Khossrau Balchi (geb. 1003 n. C.) und Abu Raihan Bironi, geb. 973 n.C., in Westen als Al Biruni bekannt, würdigten die vier Grundelemente des Lebens sowie die Bedeutung der Sonne.

Die islamischen Gelehrten haben diesem Tag eine besondere Würde verliehen, in dem sie erklärten, dass Gott an diesem Tag Baba Adam erschuf und der große Prophet Mohammad an diesem Tag als Prophet gesandt wurde.

Wie auch die Geschichte des Nauroz sein mag, die Kinder und Jugendlichen haben an diesem Tag viel Spaß. Das Nauroz-Fest wird überwiegend an Berghängen, oft neben Friedhöfen gefeiert.

Die Märchenerzähler trugen Geschichten vor. Da gab es Kinderspielzeug und Kinderkarussells, bunte Eier, Süßigkeiten und diverse Spiele. Kartenspiel und Wettbewerbe mit Geldeinsätzen, sonst gesellschaftlich geächtet, waren an diesen Tagen geduldet. In den Wiesen ließen Kinder, Jugendliche und Erwachsene ihre überwiegend selbstgebastelten Drachen steigen und machen Wettbewerbe.

Auf offenen Feuer kochen die Nachbarmädchen die ganze Nacht hindurch Samanak (Süßspeise aus Keimlingen), singen Lieder und spielen Tamburin

Am Kabuler Sakhi-Berg in Jamalmina, ebenfalls an einem Berghang des Friedhofs gibt es einen noch größeren Festplatz unter blauem Himmel, mit größeren Kinderkarussellen und diversen Spielen. Da am 2. Hamal (22. März) auch traditionsgemäß in Afghanistan die Schule beginnt, warten die Kinder ungeduldig auf das Ende des Unterrichts, um zu den Feierlichkeit des Nauroz-Festes herbeizueilen.

NZZ berichtete über das Nauroz-Fest 21.03.2002 kurz nach dem Fall der Taliban:

„Afghanistan feierte am Donnerstag, zum ersten Mal nach 13 Jahren Krieg, sein Neujahr. «Nawros» fällt hier wie in den anderen Ländern des persischen Kulturkreises mit dem Frühlingsbeginn zusammen und steht nicht wie im christlichen Westen mitten im Winter. Nawros ist deshalb auch ein Fest des Säens, Befruchtens, des Aufblühens und der Lebenslust - alles Dinge, bei denen die Taliban eine Gänsehaut bekommen hatten. Wie schwer das Volk für deren Herrschaft hatte bezahlen müssen, daran wurde auch bei der großen Parade im Stadion erinnert, wo noch vor einem Jahr Menschen ausgepeitscht und verstümmelt worden waren“, schrieb die Neue Zürcher Zeitung am 22. März 2002.

BBC schreibt:

„Das Neujahrfest, Nauroz (neuer Tag), gehört zu den traditionell aussergewöhnlichen Festen des Landes, das trotz seiner Höhen und Tiefenpunkten im Laufe der Geschichte immer noch eines der kulturellen Fundamente in Afghanistan bildet.

Der Tag fällt stets am 1. Hamal (arabisch) bzw. Farwardin (Dari), entsprechend dem 1. Widder des Sternzeichens jeden Jahres. Dieser Tag bedeutet in Afghanistan nicht nur einen kalendarischen Tag der Erdumdrehung, sondern auch eine historisch-kulturelle Überlieferung, um die Schöpfung, die Natur und die sozialen Werte der Gesellschaft zu würdigen. Diese Tradition ist tief in der Gesellschaft verwurzelt, so dass sie in der Poesie, Literatur, Kunst, Folklore, in gesellschaftlichen und familiären Sitten und Gebräuchen versinnbildlicht ist.

Zwar sprechen die wissenschaftlichen Forschungen über die Anfänge dieser Tradition und über die Modalitäten des Neujahrfestes von Überlieferungen und nicht von Fakten, es wird jedoch mit hoher Sicherheit davon ausgegangen, dass das Fest auf die Zeiten der indo-arianischen Völkerwanderung zurückblicken kann. Traditionell wird Nauroz in Zusammenhang mit Yama Padscha (Yamsched), mit der Krönung des mythischen „Sonnenkönigs“ in Baktra (Balch) gebracht.

Auch in den Werken der großen Denker und Dichter wie Abu Raihan Beroni, Tabari (berühmt als Geschichte von Tabari) und Ferdaussi spiegelt sich diese Überlieferung wider.

Die Gebräuche des Nauroz-Festes in Afghanistan gehen mindestens auf eine 3000jährige Geschichte zurück, die bis zur Islamisierung insbesondere von den Anhängern des Zoroastrismus ausgeübt worden sein soll.

Wie auch immer sein historischer Kontext war, heute kann sich keine bestimmte Religion und gesellschaftliche Gruppierung allein darauf beziehen. Selbst die islamische Religion, die weitere religiöse Feste mit sich brachte, hat das Fest nicht verhindert, im Gegenteil hat die islamische Religion dem Fest eine größere Bedeutung und Bereicherung verliehen.

Das Hissen von „Jenda“ (Fahne) zu Ehren des vierten Kalifen und Schwiegersohns vom islamischen Propheten in der historischen Stadt Mazar i Schrif (Balch) ist eines der Highlights dieses Festes. Es gilt auch als Auftakt für Veranstaltungen und Picknick im Freien der Bevölkerung, die vierzig Tage die Möglichkeit haben, das „Tulpenfest“ zu begehen.

Zu diesem Fest kommen Menschen aus allen Teilen des Landes nach Mazar i Scharif, in der Provinz von Balch. In anderen nördlichen Provinzen des Landes veranstalten die Menschen verschiedene Spielen, unter anderem Buzkaschi (Reiterspiel). In weiteren Städten und Provinzen von Afghanistan begehen die Menschen entsprechend ihrer Gebräuche und Sitten das Fest feierlich. Sie ziehen sich neue Kleider an, richten die Speisetafeln mit Süßigkeiten und Spezialitäten her und besuchen die älteren Verwandten, von denen sie Geschenke erhalten.

Die Menschen fahren ins Grüne. In den Wiesen und Hängen des Landes finden diverse Spiele und Wettkämpfe wie Spiele mit bunten Eiern, Ringen, Tierkämpfe usw. statt. Atane Melli (Nationaltanz), Liedersingen, Musik, Kinderspiele und Kinderkarussells kommen nicht zu kurz.

Ca. zwei bis drei Tage vor dem Nauroz wird das Neujahrsgetränk „Haft Mewa“ (Sieben Früchte-Cocktail), besteht aus Backobst und Nüssen wie Rosinen, Walnüssen, getrockneten Aprikosen, Pistazien, Mandeln, Mehlbeeren) vorbereitet. Die bereits geschälten Nüssen und das Backobst werden in kochendes Wasser gegeben und in einer Schale mindestens eine Nacht lang gekühlt. Am besagten Tag wird den Besuchern davon angeboten.

„Haft Sin“, Früchte und Gegenstände mit „S“ als Anfangsbuchstabe, werden auf einer Tafel dekoriert. Diese Tradition ist im Iran die Regel und in Afghanistan die Ausnahme.

Ca. 14 Tage zuvor werden Samanak (Keimlinge) angesetzt. Am Vorabend des Naurozfestes bringen die Mädchen das gepresste Grünzeug, das als Symbol der Prosperität und Segen verstanden wird, im offenen Feuer zum Kochen und rühren diese die ganze Nacht hindurch in einem großen Topf. Dabei singen sie Nauroz-Lieder und spielen Taburin. Am Morgen wird der süße Brei zum Frühstück als Hoffnung auf Erfüllen der Wünsche serviert.

Eine der interessanten Sitten beim Nauroz-Fest in Afghanistan ist das Naurozi e Aaross (Beschenken der Verlobten). Die Familie des Bräutigams lässt durch ihre eigenen Kinder der Braut ein Geschenk mit gebratenen Fischen und „Jellabi“ (in Zuckersaft eingelegte Brezen) bringen. Als Gegenleistung wird den Überbringern „Seka“ (Münze) und „Schirini“ (Süßigkeiten) von der Brautfamilie überreicht und auf eines der ebenfalls mit Gebäck gefüllten Tabletts wird ein Geschenk für den Bräutigam gelegt und zurückgeschickt.

Übermittelt von Dr. Mir H. Sadri


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