WEST- ÖSTLISCHER DIVAN  


Die beiden faksimilierten Gedichte unten gehören zu den frühesten Stücken jener Lyriksammlung, die im Jahre 1819 unter dem Titel „West-östlicher Divan“ erschien.Das Gedicht „Element“ entstanden am 22. Juli 1814 in Weimar, das Gedicht „Selige Sehnsucht“ wenige Tage später, am 31. Juli, in Wiesbaden. Die Niederschrift beider Gedichte liegt zeitlich zwischen Goethes Beschäftigung mit dem „Divan“ des persischen Dichters Schmsuddin-Hafis und der Bekanntschaft mit Marianne von Willemer, der „Suleikha“ des „Divans“. Beide Gedichte wurden bereits vor dem Erscheinen des „West-östlichen Divans“ gedruckt, „Selige Sehnsucht“ 1816 im „Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1817“ (wobei Goethe im vierten Vers „Flammenschein“ in „ Flammentod“ änderte), „Elemente“ 1818 in der Liedertafel“ von Karl Friedrich Zelter.


          
           ELEMENTE

Aus wie vielen Elementen
Soll ein aechtes Lied sich nähren?
Daß es Layen gern empfinden,
Meister es mit Freunden hören.

Liebe sey, vor allen Dingen,
Unser Thema wenn wir singen,
Kann sie gar das Lied durchdringen,
wird’s um desto besser klingen.

Dann muß Klang der Gläser tönen,
Und Rubin des Weins ergänzen:
Denn für Liebende, für Trinker
Winckt man mit den schönsten Kränzen.

Waffenklang wird auch gefordert,
Daß auch die Trommete schmettre,
Daß, wenn Glück zu Flammen lodert,
Sich im Sieg der Held vergöttere.

Dann zuletzt ist unerlässlich
Daß der Dichter manches hasse;
Was unleidlich ist und hässlich
Nicht wie Schoenes leben lasse.

Weiß der Sänger dieser Viere
Urgewaltgen Stoff zu mischen,
Wird er wie Hafis die Völker
Ewig freuen und erfrischen.

22. Jul. 1814 Weimar


 

 


          SELIGE SEHNSUCHT

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebendige will ich preisen
Das nach Flammenschein sich sehnet.

In der Liebensnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen,
In der Finsterniß Beschattung
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt des Lichts begierig
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang' du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der duncklen Erde.

31. Jul. 1814 Wiesbaden







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