Spiegel Online  21.04.2007


Die Islamisten unterwandern die Medien
 

Formieren statt informieren: Journalisten in Afghanistan werden immer häufiger von Islamisten an der Ausübung ihres Berufs gehindert. Der ehemalige Intendant des staatlichen Rundfunks, Najib Roshan, spricht über Propaganda im Fernsehen und die fehlende Solidarität unter Journalisten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Roshan, Anfang der Woche ließ die afghanische Regierung den privaten afghanischen Fernsehsender Tolo-TV wegen eines Fernsehberichts über die Staatsanwaltschaft stürmen. Beamte hätten die Journalisten tätlich angegriffen und ihnen vorgeworfen, die Staatsanwaltschaft falsch wiedergegeben zu haben, so Tolo TV. Ist unabhängige Berichterstattung in Afghanistan nicht möglich?

Najib Roshan: Das muss man etwas differenzieren. Soweit mir bekannt ist, hat nicht "die Regierung", sondern der General-Staatsanwalt eigenmächtig diese Nacht- und Nebelaktion gegen Tolo-TV angeordnet. Inwieweit er dazu gesetzlich autorisiert war, vermag ich von hier aus nicht zu beurteilen - aber es scheint wohl so, als wäre er mit der Berichterstattung über eine Pressekonferenz von ihm nicht einverstanden. Grundsätzlich gibt es schon eine gewisse Pressefreiheit in Afghanistan. Aber - weil Afghanistan kein einheitlicher, sondern ein aus vielen Ethnien bestehender Staat ist, gibt es auch fundamentalistische und ideologische Fraktionen, die versuchen die freie Berichterstattung einzuschränken und die Presse zu einem staatlichen Propagandaapparat umzugestalten.

SPIEGEL ONLINE: Wer gehört zu dieser Fraktion?

Najib Roshan: Bezeichnender Weise kommt der für die Medien zuständige Minister für Kultur und Information aus dieser Ecke. Auch die islamistisch geprägte Staatsanwaltschaft agiert sehr politisch und versteht sich nicht mehr als rechtliche Instanz. Das ist leider Realität. Das bedeutet aber nicht, dass die Pressefreiheit in Afghanistan völlig aufgehoben wäre.

SPIEGEL ONLINE: Aber islamistische Kräfte versuchen die Presse systematisch zu unterwandern?

Roshan: Ja, denn die fundamentalistischen und islamistischen Kräfte bekommen in Afghanistan mit jedem Tag mehr Gewicht. Sie betreiben eine Politik durch die Institutionen, sie versuchen von der Basis an, alle staatlichen Organisationen zu unterwandern und die Regierung und vor allem den Präsidenten irgendwie erpressbar zu machen. Das ist meine Analyse.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie solche Praktiken selbst erlebt?

Roshan: Ja, als Generalintendant der staatlichen Fernseh- und Radiogesellschaft RTA war ich diesen Kreisen wohl ein Dorn im Auge, und so versuchte die Staatsanwaltschaft mit einer unterstellten Korruptionsanklage, meine persönliche Integrität zu beschädigen. Als diese Praxis nichts nutzte und ich meine Unschuld beweisen konnte, hat der Kultur- und Informationsminister alle von mir eingestellten Mitarbeiter mit fadenscheinigen "administrativen Argumenten" unter Waffengewalt aus der Redaktion gejagt. In Nordafghanistan sind mehrere Journalisten festgenommen und verprügelt worden, weil sie etwas Kritisches über die afghanische Regierung geschrieben haben. In den letzten sechs bis sieben Monaten häufen sich solche Fälle in Afghanistan.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst waren anderthalb Jahre lang Generalintendant des staatlichen Radios und Fernsehens in Afghanistan. Jetzt leben Sie in Deutschland. Was ist passiert?

Roshan: Ich wollte aus dem staatlichen Propagandaapparat eine öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt machen, nach dem Vorbild der ARD. Ich habe versucht, eine Reform durchzusetzen, um die Zuschauer zurückzugewinnen und ausgewogen zu informieren. Weil alte Mitarbeiter sehr staatlich orientiert waren, habe ich ein neues junges Team zusammengestellt.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie zuerst verändert?

Roshan: Wir haben internationale Kooperationen geschaffen und zum Beispiel die Nachrichten, die aus Selbstdarstellungen von sich politisch als bedeutsam ansehenden Personen von einer Stunde Länge bestanden, auf 20 Minuten echte Faktenvermittlung reduziert. Wir haben verschiedene Positionen zu Wort gebracht. In einem Satz: Ich wollte, dass unser Haus die Menschen informiert und nicht formiert. Die Islamisten und Fundamentalisten fanden das nicht besonders gut und haben mit allen Kräften versucht, mich zum Rücktritt zu zwingen. Als ich bei meiner Familie in Deutschland war, haben sie mein Team schließlich rausgeschmissen. Das war Anfang Januar. Zwei Wochen später bin ich aus Protest zurückgetreten. Danach habe ich sowohl in der afghanischen Gesellschaft als auch im Ausland viel Unterstützung bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie können sich Journalisten gegen solche Angriffe schützen?

Roshan: Es gibt in Afghanistan leider keine zivilgesellschaftlichen Institutionen und daher keinen Schutz für Journalisten. Es gibt Versuche, eine solche Zivilgesellschaften zu etablieren, aber im Moment herrscht noch eine sehr schwache Solidarität unter den Journalisten und Intellektuellen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso ist die Solidarität so schwach?

Roshan: Das hängt mit der politischen Entwicklung der letzten 30 Jahre in Afghanistan zusammen. Die Intellektuellen bekämpfen sich gegenseitig, lassen sich von rivalisierenden Kräften instrumentalisieren und können sich deshalb nicht als Aufklärungskraft formieren.

SPIEGEL ONLINE: Sind die meisten Medien in Afghanistan vom Westen unterstützt oder wird auch viel selbstgemacht?

Roshan: Nein, die meisten Medienaktivitäten werden von NGOs aus Europa oder Nordamerika unterstützt. Wir haben etwa 180 Zeitungen oder Zeitschriften in Afghanistan, die alle vom Westen finanziert werden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Sender sehen die afghanischen Menschen am liebsten?

Roshan: Das staatliche Fernsehen wird nicht gesehen - die Menschen betrachten es als Propagandalügenapparat des Staates. Die privaten Anbieter werden viel geguckt, vor allem Tolo TV ist der Vorreiter im Fernsehbereich.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Tolo TV für ein Kanal?

Roshan: Tolo TV ist ein privater Kanal, dort wird für afghanische Verhältnisse kritischer, ausgewogener Journalismus gemacht - nicht nur politische Informations-, sondern auch Unterhaltungssendungen. Tolo TV hat viele Angebote aus allen Themenpaletten und ist daher sehr beliebt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Hoffnung, dass sich die Situation für Journalisten in Afghanistan verbessert?

Roshan: Nur dann, wenn die internationalen Kräfte Zähne zeigen und die Afghanen selbst was tun.

SPIEGEL ONLINE: Was kann die internationale Gemeinschaft machen?

Roshan: Die internationale Gemeinschaft soll der afghanischen Regierung klar machen, dass die jungen Soldaten aus Europa nicht in Afghanistan sind, um zu sterben oder damit die Fundamentalisten an die Macht kommen. Alle Abkommen sagen, dass in Afghanistan ein demokratischer Rechtsstaat etabliert werden soll. Wenn die Regierung sich nicht an diesen Abkommen orientiert und nicht für Demokratie, Menschenrechte und Pressefreiheit eintritt, dann wird die Präsenz der ausländischen Soldaten in Afghanistan kritisch. Das muss man klar und deutlich sagen, denn sonst werden auch die Länder, die Afghanistan bisher unterstützen, innenpolitisch unter Druck kommen und ihr Engagement völlig zu Recht überdenken.

Das Interview führte Anna Reimann

 


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