Boomtown in der Wüste Afghanistans

Ein umtriebiger Gouverneur macht’s möglich: In Masar-i-Scharif erleben die Menschen Wachstum in Frieden.



Schaumburger Nachrichten  17.08.2009 22:42 Uhr

 
Wer besonders laut hupen kann, hat in Masar-i-Scharif meist Vorfahrt. Das System funktioniert, Verkehrspolizisten sind jedenfalls kaum zu sehen. In der 300.000-Einwohner-Stadt gibt es Autos in Hülle und Fülle, aber auch Eselskarren. Alle Zufahrtsstraßen der Provinzhauptstadt sind frisch geteert. Gouverneur Mohammed Atta Noor hat sich den Aufbau und die Verbesserung der Infrastruktur zur Lebensaufgabe gemacht. Schlaglöcher und Holperpisten gibt es allenfalls noch auf Nebenstrecken, die zu den Baumärkten am Stadtrand führen. Dort werden russische Kanthölzer in rauen Mengen angeliefert.

„Die Nachfrage ist groß“, sagt Karim, „in Masar-i-Scharif wird überall gebaut.“ Der 28-jährige Mechaniker ist Taxifahrer und Fremdenführer zugleich. Er ist stolz auf seine Heimatstadt und sagt auch, warum. „Unser Gouverneur leistet gute Arbeit. Hier geht es voran, weil die Stadt sicher ist. Die Taliban haben bei uns keine Chance.“

Die öffentliche Stromversorgung in Masar-i-Scharif ist so gut wie nirgendwo sonst in Afghanistan. Die Lage im Norden des Landes macht’s möglich: Elektrische Energie wird über drei neue Leitungen aus Usbekistan eingeführt. Deutschland hat die Umspannwerke finanziert.

In den Basaren der Stadt türmt sich die Allerweltsware: Fahrräder und Mopeds aus China, Teppiche, Arzneimittel, Fruchtsäfte, Kleidung. Die Auswahl ist groß. Auf dem Obst- und Gemüsemarkt machen die Händler gute Umsätze mit Kartoffeln, Melonen, Bananen, Tomaten, Rosinen, Nüssen.

Masar-i-Scharif boomt. Mehrere Banken sind eingerichtet worden, ein Elektronikmarkt bietet Computer und Fernsehgeräte jeder Preisklasse an. Und überall werden Tankstellen gebaut. Karim weiß warum: „Da kann man sehr viel Geld verdienen, fast genauso viel wie mit den Hochzeitspalästen, die an jeder Ecke aufgemacht werden.“

Gouverneur Atta hat es verstanden, die Provinzhauptstadt auf Vordermann zu bringen – und die Einwohner an Wohlstand und Wachstum glauben zu lassen. Er ist unangefochten. Vielleicht auch, weil er immer deutlicher auf Distanz zur Zentralregierung in Kabul geht. Als Präsident Hamid Karsai dort kürzlich den Versuch startete, Atta zu entmachten, indem er die Polizeiführung in Masar-i-Scharif entließ, schaltete der Gouverneur auf stur und nahm die Weisung einfach nicht zur Kenntnis. Die Polizeichefs sind nach wie vor im Amt.

Im Wahlkampf hat sich Atta auf die Seite von Karsais größtem Herausforderer gestellt, dem früheren Außenminister Abdulla Abdullah. Gemeinsam zeigen sie sich auf zahllosen riesigen Plakaten, gemeinsam schmieden sie Zukunftspläne für den Norden Afghanistans: Die Universität soll vergrößert werden, der Grenzfluss zu Usbekistan soll einen Abzweig bekommen, damit fruchtbare Felder bewässert werden können. Und wenn genug Investitionshilfen aus dem Ausland fließen, soll Masar-i-Scharif an das usbekische Eisenbahnnetz angeschlossen werden.

Atta ist entschlossen, die Großprojekte zu verwirklichen, selbst wenn sein Freund Abdullah die Wahl gegen Karsai verlieren sollte. Der Gouverneur hat bewiesen, dass er Türen öffnen und Geldquellen erschließen kann. So hat er den Straßenbau mithilfe befreundeter Unternehmer verwirklicht. Sie bekamen den Auftrag, die Verkehrsadern zu asphaltieren – und mussten dafür als Draufgabe auf eigene Kosten die Kreisel bauen. Als Dankeschön steht nun inmitten eines jeden Kreisels der Namen des Sponsoren.

Gut 15 Kilometer außerhalb der blühenden Stadt sieht Afghanistan ganz anders aus. Hinter zerschossenen Lehmbauten versteckt sich das, was übrig ist vom 200-Seelen-Dorf Fiazabad. Zou Mohammad, der Bürgermeister, freut sich zwar, dass es eine Schule gibt und dort auch Englischunterricht angeboten wird, aber außer Stühlen steht kein Mobiliar in den Klassenräumen. Die Hochspannungsleitung von Usbekistan verläuft mitten durch den Ort – aber Anschluss haben die Dörfler nicht. „Wir haben keine Masten und keine Kabel“, sagt Mohammad. Es mangelt auch an sauberem Trinkwasser und Diesel für Generatoren.

Mithilfe der Bundeswehr ist in Fiazabad ein kleines Gemeindehaus entstanden, in dem der Malik, der Bürgermeister, auch einen Gebetsraum eingerichtet hat. Hier trifft er sich regelmäßig mit Oberfeldwebel Christopher Winter, den die Bundeswehr als „Dorffeldwebel“ eingesetzt hat. Der 28-jährige Soldat bemüht sich, die größte Not in dem Wüstendorf zu lindern, organisiert Hilfe für den Brunnenbau und bringt Hefte für die Schulkinder mit. Bei einem Glas Tee erläutert der Malik seine Wünsche, und der Soldat verspricht kleine Wohltaten. Man kennt sich und vertraut einander, dennoch darf der Soldat beim Palaver die dicke Splitterschutzweste nie ausziehen. Befehl ist Befehl.

Masar-i-Scharif und Fiazabad sind der Inbegriff des Gegensatzes zwischen Arm und Reich, der Afghanistan prägt. Doch der Malik lässt keine Gelegenheit aus, von der Großstadt zu schwärmen und den Gouverneur zu loben. Diplomaten stimmen ihm zu: „Wenn alle Provinzen so regiert würden wie der Raum Masar-i-Scharif“, sagt ein europäischer Botschaftsrat, „dann sähe es in Afghanistan heute ganz anders aus.“

Millionenhilfe aus Deutschland

In den nordafghanischen Provinzen Balkh, Kundus, Takhar und Badakhshan werden derzeit mehrere Großprojekte mit deutscher Hilfe realisiert. Masar-i-Scharif, Standort des deutschen Regionalkommandeurs, erhält einen Flughafen, der internationalen Anforderungen entspricht. Mindestens 35 Millionen Euro werden investiert, einen Teil davon bezahlen die Vereinigten Arabischen Emirate.

Das 2006 abgebrannte Zentralkrankenhaus in Masar-i-Scharif wird für zwölf Millionen Euro wiederaufgebaut, damit die Versorgung von bis zu sechs Millionen Einwohnern wieder gewährleistet ist. Hier beteiligt sich Schweden an den Kosten.

In Khanabad östlich von Kundus soll ein zerstörtes deutsches Kraftwerk für vier Millionen Euro reaktiviert werden und von 2012 an 225.000 Menschen mit Strom versorgen. Für den Ausbau wirtschaftlich wichtiger Straßen in Nordafghanistan stellt der Bund zehn Millionen Euro bereit.

[Klaus von der Brelie]

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