St.Galler Tagblatt  09.02.2007


Drogenrouten und Geldflüsse

Die organisierte Kriminalität in Afghanistan und ihre Geldwäscherei / von Albert A. Stahel

Bekannt ist, dass über 92 Prozent der weltweiten Opiumproduktion aus Afghanistan stammt. Wenig bekannt ist, dass heute diese Produktion, ihr Verkauf, die Verarbeitung zu Heroin und der Transport nach Europa durch eine organisierte Kriminalität kontrolliert wird, die in Afghanistan selbst beheimatet ist.

Gemäss einem neuen Bericht der Uno und der Weltbank über die Drogenindustrie in Afghanistan («Afghanistan's Drug Industry») ist seit Ende 2005 eine Konsolidierung der Kontrolle des Drogenhandels durch Schlüsselkreise erfolgt. Im Gegensatz zu früher verfügt Afghanistan über eine hierarchisch strukturierte organisierte Kriminalität. An der Spitze der Pyramide stehen 25 bis 30 Individuen mit ihrer Händlerorganisation. Die meisten operieren aus den Südprovinzen. Zuunterst stehen die 350 000 Familien, die Opium produzieren.

Parallel zu dieser Pyramide wirkt die Schutzorganisation, die dem Innenministerium obliegt. Dazu gehören die lokale Polizei, die Polizeichefs der Distrikte und der Provinzen. Die Drogen-Barone bezahlen, und die Polizei gewährt ihnen Schutz. Die Drogen selbst werden über Iran und die Türkei verschoben.

Für das Schmieren stützt sich die organisierte Kriminalität in Afghanistan auf das Hawala-System ab. «Hawala» ist ein arabisches Wort und bedeutet Transfer. Das System ermöglicht den Transfer von Geld und Werten von einem Ort zum andern, ohne dass dabei immer Geld oder Güter verschoben werden müssen. Diese Dienstleistungen obliegen den Hawaladars. Ohne dieses System würde die afghanische Wirtschaft nicht funktionieren.

Das Hawala ist eng mit den Finanzzentren von Karachi, Dubai, London, Mumbai, New York und Shanghai verknüpft. Von 2004 bis 2005 betrug der Geldfluss 5,6 bis 6,1 Milliarden Dollar.

Während es früher immer wieder Überfälle auf Geldkuriere der Hawaladars gab, hat sich deren Sicherheit dank der Stationierung der Isaf deutlich verbessert. Das System ist nicht nur für Geldverschiebungen des Drogenhandels – Kauf und Verkauf – verantwortlich, sondern auch für den Kauf von Gütern mit diesem Geld und damit auch für das Geldwaschen.

Während das Geld für den Einkauf von Drogen vor allem aus Pakistan stammt und sogar auf Grossbritannien und die USA zurückgeführt werden kann, stammen die Güter, die die Geldwäscherei ermöglichen, aus Dubai, China, Japan und Deutschland. Offensichtlich kontrollieren Afghanen Teile des Hawala-Marktes in Pakistan, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien. So stehen die Drogen-Hawaladars in Kandahar und Helmand mit dem Finanzmarkt von London in engem Kontakt.

Albert A. Stahel ist Dozent an der ETH und Gründer des Instituts für strategische Studien in Wädenswil.


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